Am letzten Wochenende hatte ich mich kurzfristig bei Christian eingeladen, da ich nicht den gesamten Samstagabend alleine verbringen wollte. Wir schauten uns zusammen "I Am Legend" an, einen mittelmäßig düsteren Endzeitfilm, in dem Will Smith in New York versucht, die Welt zu retten. Der Film ist nicht schlecht, doch es gelingt ihm nicht so recht, den Zuschauer einzufangen in der dunklen Dystopie und ihn in die vertrackte Lage hereinzuziehen.
Gänzlich anders verhält es sich mit einem Low-Budget-Juwel, das mir Christian am selben Abend noch wärmstens empfahl: "Overclocked". Es spielt sich wie eine Mischung aus Monkey Island und dem Film Memento,vornehmlich weil einer der Charaktere mit der Stimme von Norman Matt zum Leben erweckt wird (Guybrush Threepwood in Monkey Island 3 und 4); zum Memento-Teil später mehr. Die Grafik ist vielleicht ein wenig angestaubt, wartet aber mit zeitgemäßem 3D-Huppi-Fluppi und animierten Zwischensequenzen auf. Dennoch: die simple Spielmechanik lässt einen über eventuelle Abstriche bei der Technik (da wären zum Beispiel die etwas groben, unbeholfenen Figurenbewegungen) locker hinwegsehen. Die sehr atmosphärisch in Szene gesetzte Welt profitiert von einem kühlen, zurückhaltenden, aber sehr effektvollen Soundtrack, der sich hauptsächlich auf einfache Klavieruntermalung beschränkt, damit aber die entscheidenden Akzente setzt. Weniger ist eben manchmal mehr, um mal eine Phrase auszupacken.
Wir befinden uns im Jahr 2007 und die skizzierte Gegenwart wirkt glaubwürdig, kaum überzeichnet oder in Klischees verhaftet. Als der Psychiater David McNamara werden wir zu einem besonders kniffligen Fall, genau genommen, fünf solcher Fälle in das Staten Island Mental Ward gerufen. Die Handlung spielt also wie im eingangs erwähnten Film ebenfalls in New York. Dort finden wir drei Jungen und zwei Mädchen, die alle mit der Erstdiagnose "Posttraumatisches Stress-Syndrom" eingeliefert wurden, nachdem sie an verschiedenen Orten innerhalb New Yorks aufgelesen wurden. Von Beginn an begegnet McNamara kalte Ablehnung, sei es von seinen neuen Kollegen, mit denen er sich arrangieren muss, oder aber die ungewöhnlich kühle Art seiner Freunde. In der Nervenheilanstalt, einem Haus, das seit den 50er Jahren keinen Tropfen neuer Farbe mehr gesehen hat, versucht er, Stück für Stück die Erinnerungen seiner fünf Patienten auszugraben. Das gelingt ihm zusehends, doch jeder Fortschritt, den er in Richtung Genesung der Patienten macht, wird von einem beruflichen oder privaten Unglück überschattet. Seine persönliche Lage wird von Tag zu Tag desolater und sein Leben scheint über ihm zusammenzubrechen. Mit jedem Versuch, etwas zu richten, fällt nur noch mehr in Scherben. McNamara droht zusehends die Kontrolle zu verlieren.
Beeindruckt hat mich an Overclocked der konsequente Verzicht auf irrwitzige Effekte und Augenwischerei. Die Geschichte entwickelt sich durch eine sehr gelungene Erzählweise und die sich verdichtende Atmosphäre. Die Hintergründe der Patienten erfährt man in Rückblenden, in denen man auch die Kontrolle über ihre Erinnergunen übernimmt. Stück für Stück rollt sich der gedankliche Teppich wieder aus und es wird die eigentliche Geschichte aufgedeckt.
Abstriche gibt es dann wieder gegen Ende: Spätestens zu Beginn des letzten Viertels dämmert einem die Auflösung der offenen Fragen und die Überraschungen bleiben vollständig aus. Schade, dass hier viel Potenzial verschenkt wurde, aber dennoch lobenswert ist das innovative Spielkonzept und die hochkarätige Besetzung der Figurenstimmen. Auch wenn es nicht viel zu Rätseln gab und die Komplexität des Adventures eher an Ragnar Tornqvists letztes Werk (Dreamfall) erinnert, denn an die teils kniffligen Rätsel von Gilbert/Schafer/Grossman (Monkey Island). Ganz ähnlich wie BioShock fehlt es an Tiefe und der Konsequenz im Detail für ein richtig, richtig gutes Spiel. Trotzdem: Overclocked ist ein Genuss für zwei, drei Abende, an denen man eintauchen kann in eine spannend erzählte Geschichte und vielleicht auch einmal mit dem Kopf voller Gedanken ins Bett geht. So schafft ein kleines, deutsches Indie-Game, was Hollywood nicht gelingt. Bravo!